Die Verantwortung der Community

Die Verantwortung der Community

Die Community beginnt auf die neuen Herausforderungen zu reagieren. Inzwischen gibt es in einigen Städten Erfolg versprechende Konzepte, die mit einem Gütesiegel jene Cruising-Bars und Saunen auszeichnen, die im Rahmen von Selbstverpflichtungen für ihre Gäste kostenlose Kondome und Gleitgel sowie Safer-Sex-Informationen bereithalten und ihre Räumlichkeiten nicht für fälschlicherweise so genannte "Bareback-Parties" zur Verfügung stellen. Derartige Selbstverpflichtungs-erklärungen sollten auch die Vorbildfunktion des Personals und den Verzicht auf "Unsafe-Sex"-Pornos auf den Monitoren thematisieren. Mancherorts stoßen diese Modelle der Präventionsarbeit aber auf Widerstand unter den Betreibern, die die Mehrausgaben für Kondome und Gleitgel fürchten oder sich einem verstärkten Konkurrenzdruck ausgesetzt sehen.

Es sollte selbstverständlich und ein Ausdruck von Verantwortungsbereitschaft sein, dass Männer auf der Suche nach sexuellen Begegnungen das Nötige zur Risikominimierung bei sich tragen. Sich darauf zu verlassen, dass die Gastronomen oder Saunabesitzer grundsätzlich für die kostenlose Bereitstellung von Kondomen sorgen, stellt wieder eine einseitige Verschiebung der Verantwortung dar. Zu verantwortlichen Verhalten gehört auch, sich bei kostenlos von Wirten und Saunenbetreibern ausgegebenen Präventionsmittel nicht für den Hausgebrauch einzudecken.

In der Community wird die Frage diskutiert, ob "Unsafe-Sex"-Parties verboten werden sollten. Aus den Erfahrungen von über 20 Jahren AIDS-Prävention ist klar ersichtlich, dass ordnungspolizeiliche Maßnahmen kein produktiver Weg sind: Die Grenze zwischen Parties im öffentlichen und privaten Raum sind in den Zeiten des Internets fließend. Es würde schnell eine Verlagerung ins Private stattfinden. Private Parties sind für Präventions-Aktivisten nicht mehr erreichbar, die ansonsten am Eingang zu einer solchen Party im öffentlichen Raum auf die entsprechenden Risiken hinweisen und so den Mythos "Bareback" mit der Realität kontrastieren könnten.

Umstritten ist im Rahmen der Chat-Portale die Schaffung von technischen Voraussetzungen zur gezielten Suche nach unsafem Sex durch Filterfunktionen oder Gruppenbildung. Ähnlich wie beim diskutierten Verbot organisierter Parties steckt die Prävention auch hier in einem Dilemma, das nicht auflösbar scheint: Der Klarheit in der Aussage "ich will unsafen Sex machen" kann schließlich jeder User, der das nicht will, durch einfaches weiterklicken begegnen, ebenso wie jeder User frei entscheiden kann ein klares Statement abzugeben, dass er konsequent safe bleiben will.

Entscheidend kann auch hier also nur das Vorhalten von Informationen und Entscheidungshilfen sein, die klar die Risiken von unsafem Sex thematisieren. Dies könnte zum Beispiel durch ein PopUp-Fenster geschehen, das gestartet wird, wenn ein User in seinem Profil die Auswahl Safer Sex "Nach Absprache" oder "Niemals" trifft.

Die Betreiber von Internet-Plattformen sollten ihrer Verantwortung gerecht werden, indem sie im Rahmen ihrer Chat-Portale zum einen Informationen zu HIV/AIDS und STDs anbieten und zum anderen Präventionsarbeitern die Möglichkeit geben, Beraterprofile einzurichten, die ein virtuelles Abbild der klassischen Streetworker in der Community darstellen.

Andere viel versprechende Konzepte wie z.B. das "Dark Angel"-Projekt  in Berlin, aber auch virtuell in dem Chatportal Gayromeo, setzen auf die Bereitschaft verantwortungsbewusster schwuler Männer, die Prävention im Rahmen von Peer-Group-Education selbst in die Hand zu nehmen und als Vorbild als Role-Modell zu fungieren.

Die Prävention der AIDS-Hilfen sollte sich an ihre Stärke der 80er Jahre erinnern. Sie waren an den Orten institutionalisierter schwuler Promiskuität präsent. Vieles hat sich heute ins Internet verlagert. Die Provider sollten sich für die AIDS-Hilfen öffnen, der Staat sollte auch personalkommunikative Prävention im Internet unterstützen.

Die Verkaufszahlen von sogenannter "Bareback"-Pornografie sprechen für einen bestehenden Wunsch nach Regellosigkeit zumindest im Bereich der Phantasie. Zumindest hier sollen die Schranken fallen, die sich viele auferlegen. Während dies im heterosexuellen Pornosegment weitgehend unkommentiert bleibt, fokussieren insbesondere die Medien auch diesen Bereich immer wieder scharf.

Darsteller solcher Pornos riskieren ihre Gesundheit. Möglicherweise selbstbestimmtes Handeln kann hier an Grenzen stoßen, wenn finanzielle Abhängigkeit mancher Darsteller bei der Annahme solcher Rollen ins Spiel kommt. 

Es muss Darstellern freigestellt werden, safe bleiben zu dürfen. Verträge, die unsafen Sex zum Gegenstand haben, sind als sittenwidrig einzustufen.

Wie schon bei den Chat-Portalen gefordert, sollten auch in Pornographiemedien etwa im Rahmen des Vorspannes klar die Safer-Sex-Regeln erläutert werden und die Eigenverantwortung der Konsumenten für ihre Gesundheit betont werden.

Der LSVD ruft in diesem Zusammenhang alle Beteiligten dazu auf:

  • die Präventionsanstrengungen zu verstärken und neue Konzepte wie zum Beispiel Gütesiegel oder das "Dark Angel"-Projekt zu unterstützen.
  • die Eigenverantwortung als Gäste dabei genauso wahrzunehmen wie die der Betreiber.
  • unsafen Sex nicht als "Barebacking" zum Fetisch zu machen
  • die Teilnehmer entsprechender Parties klar über die Risiken zu informieren, die sie tragen
  • in Chat-Portalen Infotheken zu HIV und STDs bereitzuhalten und Beraterprofile für Online-Streetworker zu ermöglichen
  • die Verträge von Sexarbeitern in der Pornoindustrie so zu fassen, dass ihnen die Entscheidung für Safer Sex jederzeit ohne finanzielle Einbußen möglich ist.
  • Unsafe-Sex-Pornos mit klaren und deutlichen Warnhinweisen über die gesundheitlichen Gefahren zu versehen.